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Kommunikativ begründete Systemveränderung des Wortschatzes  

 

Wortschatzerweiterung durch semantische Derivation bzw. Bedeutungswandel

 

Unter semantischer Derivation bzw. Bedeutungswandel versteht man die Bedeutungsveränderung der Wörter, die sich im Laufe der Zeit bei diesen sprachlichen Zeichen einstellt, bedingt durch Wesen und Charakter der Sprache als gesellschaftliches Phänomen.

Der Bedeutungswandel tritt gesetzmäßig im Zusammenhang mit dem Sachwandel ein, denn die Gegenstände und Erscheinungen der Wirklichkeit befinden sich in einem Zustand dauernder Veränderung. So ist z.B. Bleistift heute "ein von Holz umschlossener Graphitstift zum Schreiben". Die im 17. Jahrhundert belegte ursprüngliche Form Bleystefft zeugt davon, dass Stifte zum Schreiben aus einem anderen Material hergestellt wurden. Das Formativ blieb, als man im 18. Jahrhundert zu Graphitstiften (-minen) mit Tonzusatz überging.

Aber außer diesem Bedeutungswandel gibt es auch eine Veränderlichkeit der Bedeutung von einer anderen, viel komplizierteren Art, was aus der Analyse alter Sprachdenkmäler besonders deutlich hervorgeht. Eine der größten Schwierigkeiten für das Verständnis eines mittelhochdeutschen Textes bieten Wörter, die scheinbar bekannt und heute noch geläufig sind, aber etwas ganz anderes bezeichnen, als wir heute darunter verstehen.

So fängt Walter von der Vogelweide (ca. 1160-1227) ein Gedicht mit folgenden Worten an:

Ich hört ein wasser diessen

Und sach die vische fliessen.

 

In der Gegenwartssprache fließt nur das Wasser, bei Walter von der Vogelweide fließen auch die Fische, die im Deutsch von heute schwimmen.

Auch in der Gegenwart beobachten wir Bedeutungsveränderungen von Wörtern, die z.B. im Zusammenhang mit Veränderungen im gesellschaftlichen Leben aufgekommen sind.

Es wären zahlreiche Bedeutungsentwicklungen zu nennen, die den Bedeutungsumfang eines Lexems oder seine Bedeutungsstruktur erweitern. Das geschieht, indem dasselbe Formativ zur Bezeichnung eines neuen Sachverhalts ausgewertet wird neben des bereits vorhandenen (z.B. Pate).

Die semantische Derivation kann erfolgen, indem dasselbe Formativ zur Bezeichnung nicht nur neuer Sachverhalte verwendet wird, sondern auch zur Schaffung expressiver, stilistisch markierter Synonyme zu den bestehenden Lexemen. Sie sind wertenden, meistens abwertenden Charakters. So ist Huhn nicht nur Bezeichnung einer Geflügelart, sondern auch die Bezeichnung einer Person (salopp). Lappen ist nicht nur ein Stück Stoff, Fetzen (zum Waschen, Wischen, Polieren usw.), sondern eine umgangssprachliche Bezeichnung für Geldschein: er blätterte einige Lappen auf den Tisch. Waschlappen ist "ein feiger, energieloser, charakterschwacher, weichlicher Mensch".

Der Bedeutungswandel kann also ein Semen betreffen und es kann zur Entwicklung neuer Sememe innerhalb der semantischen Struktur des Lexems führen.

 

Die Ursachen des Bedeutungswandels

 

Die Ursachen oder Triebkräfte des Bedeutungswandels können außersprachlich bzw. extralinguistisch und sprachlich bzw. intralinguistisch sein.

Unter den wichtigsten extra- und intralinguistischen Ursachen sind zu nennen:

1. Die gesellschaftliche Entwicklung mit all ihren vielseitigen Aspekten, die fortwährend neue (zum Teil durch bestehende Formative ausgedrückte) Begriffe entstehen lässt.

2. Der Sachwandel, der in den bestehenden sprachlichen Zeichen ebenfalls den Bedeutungswandel hervorruft.

3. Die Wechselbeziehungen zwischen dem Allgemeinschatz und den Fach- und Sonderwortschätzen: Spezialisierung der Bedeutung beim Wechsel eines Wortes aus der Allgemeinsprache in die Gruppensprachen, Generalisierung oder Verallgemeinerung der Bedeutung beim Wechsel eines Wortes aus der Berufssprache in die Allgemeinsprache ("die sozialen Ursachen").

4. Das Ziel der sprachlichen Tätigkeit, wo zu unterscheiden sind:

1) das Streben nach Ausdrucksverstärkung oder Affekt;

2) das Streben nach Ausdrucksabschwächung oder Euphemismus.

 

Die Arten des Bedeutungswandels

 

Die wichtigsten Klassifikationen sind die logische und die psychologische Klassifikation. Die logische Gliederung basiert auf der  quantitativen Gegenüberstellung der Bedeutung, vor und nach dem Bedeutungswandel. Die psychologische Gliederung basiert auf den Assotiationen.

Da die logische Klassifikation es ermöglicht, die wichtigsten Arten des Bedeutungswandels zu erfassen, wird sie auch heute neben anderen Gleiderungsmöglichkeiten ausgewertet.

 Nach dem logischen Prinzip kann es nur drei verschiedene Kategorien geben. Die neue Bedeutung ist quantativ größer, kleiner oder gleich. Dieser Umstand bedingt die logische Gliederung des Bedeutungswandels.

Die logische Klassifikation unterscheidet drei Arten des Bedeutungswandels:

1. Bedeutungserweiterung;

2. Bedeutungsverengung;

3. Bedeutungsübertragung und -verschiebung.

 

1. Die Bedeutungserweiterung meint die Erweiterung des Bedeutungsumfanges eines Wortes nach dem Prozess des Bedeutungswandels. Der parallele Terminus für die Bedeutungserweiterung ist die Generalisierung der Bedeutung.

Beispiele:

gehen – Die Grundbedeutung des westgermanischen Verbs gehen ist "mit den Füßen schreiten" (von Menschen und Tieren). Es hat sich aber auch zu einer allgemeinen Bezeichnung für Bewegung jeder Art entwickelt.

fertig – aus Fahrt abgeleitet, bedeutete das Wort ahd. und mhd. eigentlich "zur Fahrt bereit, reisefertig sein". Daraus hat sich schon im mhd. die allgemeine Bedeutung "bereit" entwickelt, die dann zu dem jetzigen Sinn "zu Ende gebracht, zu Ende gekommen" führte.

Bei der Bedeutungserweiterung handelt es sich also um die Bedeutungsentwicklung vom Konkreten zum Abstrakten, vom Einzelnen zum Allgemeinen.

Die Bedeutungserweiterung ist oft eine Begleiterscheinung des Übergangs der Wörter aus einem fachsprachlichen Bereich in die Allgemeinsprache. Zahlreiche Beispiele der Bedeutungserweiterung bieten z.B. Wörter und feste Wortkomplexe, die aus dem Sonderwortschatz der Sportler in die Gemeinsprache übernommen wurden: So bedeutet (gut) in Form sein in der Gemeinsprache nicht "in guter sportlicher Form" im Sinne der Leistungsfähigkeit, Kondition, sondern allgemein "sich gut fühlen", "etwas gut machen". Oder starten heißt in der Gemeinsprache nicht "den Wettlauf, das Rennen usw. beginnen", sondern überhaupt etw., z.B. "ein neues Untenehmen beginnen".

2. Die Bedeutungsverengung ist das Gegenteil zur Bedeutungserweiterung. Die Bedeutungsverengung besteht darin, dass ein Wort mit einem ursprünglich weiten Bedeutungumfang später nur noch einen Teil des ursprünglichen Anwendungsbereichs aufweist. Das parallele Terminus für die Bedeutungsverengung ist die Spezialisierung der Bedeutung. Beispiele:

fahren – bezeichnete ursprünglich jede Art der Fortbewegung wie "gehen, reiten, schwimmen, im Wagen fahren, reisen". Das zeigen noch Ausdrücke wie fahrendes Volk, fahrende Habe, mit der Hand über das Gesicht fahren usw. In Deutsch von heute versteht man aber unter fahren nur die Fortbewegung auf Wagen, Schiffen, mit der Bahn u.a.

Ein Sprichwort – bezeichnete ursprünglich eine geläufige Redewendung. Erst in neuerer Zeit wurde es eingeengt auf die Bedeutung "kurzer, volkstümlicher Satz, der eine praktische Lebensweisheit enthält".  Die alte erweiterte Bedeutung ist in einigen festen Wortkomplexen erhalten geblieben: etw. zum  Sprichwort machen; zum Sprichwort werden (= sprichwörtlich werden). Diese Bedeutunsspezialisierung ist insofern typisch, als hier ein Übergang aus dem Allgemeinwortschatz in die Fachlexik der Sprachwissenschaft vorliegt.

3. Die Bedeutungsübertragung. Das Wesen der Bedeutungsübertragung besteht darin, dass neue Sachverhalte mit bereits bestehenden Wörtkörpern oder Formativen aufgrund einer Ähnlichkeit, Assoziation benannt werden. Es handelt sich in diesem Fall, genauer gesagt, um Bezeichnungsübertragung.

Je nach den Assoziationen können sich die Arten der Bedeutungsübertragung unterscheiden: die Assoziation kann auf einer Ähnlichkeit und auf einer unmittelbaren Beziehung in Zeit, Raum usw. beruhen. Ähnlichkeit (Vergleich) zwischen zwei Begriffen ergibt die Metapher, eine unmittelbare Beziehung zwischen zwei Begriffen ergibt die Metonymie.

 

Metapher. Die Metapher (meta – "über", phero – "trage") ist die Übertragung der Namensbezeichnung aufgrund einer (äußeren oder inneren) Ähnlichkeit. So ist Schlange "lange Reihe wartender Menschen" eine metaphorische Übertragung der Namensbezeichnung Schlange "Schuppenkriechtier" aufgrund äußerer Ähnlichkeit. Somit bedeutet Schlange

1. „Schuppenkriechtier", 2. "lange Reihe wartender Menschen". Diesen Vorgang kann man übersichtlich folgenderweise umschreiben: Das Wort A (Formativ a + Bedeutung a) bezeichnet die Denotatenklasse A (Schlange "Tier"). Mit der Übertragung auf die Denotatenklasse B ("lange Reihe wartender Menschen") erhält das Wort A (Schlange) noch zusätzlich die Bedeutung B ("lange Reihe"), so dass nun an das Formativ zwei Bedeutungen (a + b) gebunden sind - der Bedeutungsumfang hat sich erweitert. In diesem Fall ist die Entwicklung in der semantischen Struktur des Lexems Schlange eines neuen Semems oder einer lexisch-semantischen Variante ("lange Reihe") - das Ergebnis der metaphorischen Übertragung. Die Metapher ist also:

1. ein Prozess und 2. das Resultat der Bezeichnungsübertragung – die neue übertragene Bedeutung eines Lexems.

In der semantischen Struktur des Lexems Schlange gibt es bekanntlich andere, auf dem Wege der metaphorischen Bezeichnungsübertragung gewonnene, lexisch-semantische Varianten. Z.B. aufgrund der Assoziation "Giftzähne der Schlange" hat sich die übertragene Bedeutung "falsche, hinterhäftige Frau" entwickelt.

In allen bezeichneten Fällen beruht die Übertragung auf Ähnlichkeitsbeziehungen zwischen Primär- und Sekundersignifikat, was wiederum seine Ursache in den Ähnlichkeitsbeziehungen zwischen den Denotaten hat.

Das Resultat der metaphorischen Übertragung – die übertagene Bedeutung – ist nicht unbedingt eine Nebenbedeutung in der semantischen Struktur eines Lexems. Es sind auch Fälle bekannt, wo die Sekundärbedeutung zur Hauptbedeutung geworden ist, z.B.: ausspannen – „ausruhen" – Metapher zu „Pferde aus dem Geschirr nehmen". Die Sekundärbedeutung ist heute Hauptbedeutung.

Die Metaphern sind polyfunktional. Sie können eine rein benennende Funktion erfüllen, z.B. Heizschlange, Feldschlange und eine wertende, oft abwertende Funktion, wie z.B.: Du falsche Schlange! Heimtückische Schlange!

Die benennenden und wertenden oder charakterisierenden Metaphern gehören zum lexikalisch-semantischen System. Sie sind in jeder Sprachgemeinschaft gut bekannt und geläufig, das ist zum Teil schon in ihrer Bezeichnung Gebrauchsmetaphern angedeutet.

Eine metaphorische Übertragung kann auch aufgrund einer Ähnlichkeit nach der Funktion erfolgen. Zwischen den beiden Größen – Primär- und Sekundärsignifikat – bestehen dementsprechend Ähnlichkeitsbeziehungen nach der Funktion. Bekannte Beispiele für solche Übertragungen sind:

Feder – ursprüglich "zum Schreiben zugeschnittene Schwungfeder eines Vogels", dann auch auf Stahlfeder aufgrund derselben Funktion übertragen.

Fensterscheibe – bezeichnete ursprünglich „eine runde Butzenscheibe“, d.h. eine runde, in der Mitte verdickte Glasscheibe. Heute wird die Bezeichnung Scheibe in der Zusammensetzung Fensterscheibe weiter gebraucht, obgleich sie längst nicht mehr rund ist.

Eine Sonderart der Metapher ist die Synästhesie, die Übertragung von einem Sinnesbereich auf einen anderen. Wörter werden aus dem Bereich eines Sinnes oder einer Gefühlsempfindung auf den Bereich einer anderen Sinnesempfindung übertragen, z.B. von akustischer zu optischer Wahrnehmung: schreiende Farben, von optischer zu akustischer Wahrnehmung: dunkle Töne, helle Stimme.

Die Erweiterung des Bedeutungsumfangs von Lexemen durch metaphorische Bezeichnungsübertragung ist in der Gegenwartssprache sehr produktiv.

Durch die metaphorische Bezeichnungsübertragung vorhandener Wortformative entstehen in der Gegenwartssprache Benennungen, die das Denotat sprachökonomisch und wertend bezeichnen.

 

Metonymie. Die Metonymie (griech. metá – "über", onoma – "Name") ist auch eine Art Bezeichnungsübertragung aufgrund mannigfaltiger Bedeutungsbeziehungen. Diese sind räumlicher, zeitlicher, ursächlicher Art, Beziehungen zwischen Handlung und Resultat der Handlung, Subjekt der Handlung, Mittel und Werkzeug der Handlung u.a.

Im Wortbestand des Deutschen gibt es Lexeme, die Produkt mehrstufiger metonymischer Bedeutungsveränderungen darstellen. Zu solchen gehört z.B. Person. Dieses Wort ist im Deutschen seit 13. Jh. bezeugt. Es beruht auf der Entlehnung aus dem lat. persona "Maske des Schauspielers". Im römischen Drama wurden auf der Bühne Masken verwendet, die je nach der dargestellen Rolle wechselten. Bald bekam persona die Bedeutung "durch eine Maske dargestellter Charakter", und sodann "Charakter (allgemein)". Daraus entwickelte sich die Bedeutung "Darsteller oder Repräsentant eines Charakters", späterhin "Repräsentant oder Vertreter (allgemein)".

Somit hat das Wort Person erhebliche Bedeutungsveränderunden erfahren - von der Bezeichnung für einen Teil der Theaterkostümierung über die Benennung für ganz bestimmte menschliche Rollen bis zu einer allgemeinen Bezeichnung für einen Menschen, eine Person schlechthin. Also: Person > Maske> Rolle > Charakterrole > Mensch.

Räumliche oder lokale Bedeutungsbeziehungen haben den Bedeutungswandel verursacht, wenn heute Auditorium im Sinne "Zuhörerschaft" gebraucht wird.

Ursächliche oder kausale Bedeutungsbeziehungen haben die Bedeutungsveränderung in den Fällen bewirkt, wenn die Namen der Erfinder für Erfindungen selbst gebraucht werden, z.B. Röntgenstrahlen: Die elektromagnetischen Strahlen sind nach dem Physiker Wilhelm Conrad Röntgen bennant. Röntgen selbst nannte sie X-Strahlen ("unbekannte Strahlen").

Oder Bedeutungsbeziehungen zwischen Produkt und Herstellungsort: Champagner, Tokaier.

Oder Bedeutungsbeziehungen wie pars pro toto („ein Teil für das Ganze"): er ist ein heller, kluger Kopf „er ist klug“, Blaustrumpf (scherzhaft für gelehrte Frau).

Die Metonymik spielt in der Benennung neuer Erscheinungen in der gesellschaftlichen Praxis neben der Metaphorik eine sehr wichtige Rolle Vgl. die neuen Sememe in der semantischen Struktur folgender Wörter.

Export und Import bezeichnen sowohl den Prozess als auch die exportierte oder importierte Ware.

Ein weiterer Typ des universellen semantischen Sprachwandels ist der Euphemismus

 

Unter Euphemismus versteht man eine verhüllende, mildernde, beschönigende Ausdrucksweise. Der Gebrauch von Euphemismen kann ebenfalls Grund für die Bedeutungsentwicklung sein.

Der Anlass für den Gebrauch von Euphemismen kann verschieden sein:

– Furcht vor natürlichen oder unnatürlichen Wesen in alter Zeit. Für diesen Typ wird vielfach der parallele Terminus "Tabu", "Tabuwörter" gebraucht. Die bekanntesten Tabuwörter in den germanischen Sprachen sind abergläubischer und religiöser Art: der Braune für "Bär". Man fürchtete den Bären im nördlichen Europa und hütete sich, seinen Namen auszusprechen, um ihn damit nicht herbeizurufen. Das Tabuwort bero "der Braune" trat dafür ein.

– Zahrtgefühl in unangenehmen Situationen. Die Euphemismen verfolgen hier eine schonende Wirkung: verscheiden, einschlafen, entschlafen, die Augen für immer schließen für "sterben"; Unwohlsein, Unpässlichkeit für "Krankheit".

– Prüderie: Freundin für "Geliebte", in anderen Umständen sein für "schwanger sein", ein Verhältnis haben für "ein Liebesverhältnis haben".

– Höflichkeit, Freundlichkeit, Scherz, Ironie: stark für "dick", Zweitfrisur für "Perücke", dritte Zähne für "künstliches Gebiss".

 

Von den erwähnten Euphemismen sind euphemistische Verschleierungen im Bereich gesellschaftlich-politischer Lexik zu unterscheiden, deren Ziel in der Tarnung des tatsächlichen Sachverhalts besteht. Dazu dient "die positive Wertungskomponente", die allen solchen Bildungen eigen ist, Vgl. Sozialdienst für "Armenpflege".

 

 

 

 

Wortschatzerweiterung durch Übernahme

                                         aus anderen Sprachsystemen (Entlehnung)

 

Die Entlehnung der Lexik aus einer Sprache in die andere gehört zu den gesetzmäßigen Folgen der sprachlichen Kontakte auf ökonomischem, politischem, kulturellem, wissenschaftlichem und sportlichem Gebiet, die es in der Entwicklungsgeschichte einer jeden Sprache gibt.

Unter Terminus Entlehnung versteht man in der einschlägigen Literatur sowohl den Entlehnungsvorgang, d.h. die Übernahme fremden Sprachgutes, als auch das Resultat dieses Prozesses – das entlehnte fremde Sprachgut selbst. In der lexikologischen Forschung sind entlehnte Lexeme und feste Wortkomplexe Objekte der Analyse.

  Da die Entlehnung fester Wortkomplexe im Vergleich zu Lexemen zahlenmäßig nicht sehr bedeutend ist, sprechen wir  weiter im Grunde von lexikalischen Entlehnungen.

 

Nach der Art der Entlehnung sind zu unterscheiden:

1.Sach- und  Wortentlehnung;   

2. Wortentlehnung.

     Bei der Sach- und Wortentlenung werden fremde Formative übernommen, deren Sachverhalte in der betreffenden Sprache neu oder unbekannt sind. Das Ergebnis einer solchen Entlehnung sind z.B. im Deutschen genetisch lateinische Wörter, die von den germanischen Stämmen bei ihrer ersten Berührung mit den Römern übernommen wurden: Mauer, Ziegel, Kalk, Pforte, Fenster, Keller u.v.a.m.

     Oder Sach- und Wortenentlehnung aus der amerikanischen Variante der englischen Sprache nach 1945: Motel – Hotel an großen Autostraßen, das besonders für die Unterbringung von motorisierten Reisenden bestimmt ist: Camping – das Leben im Freien (auf Campingplätzen) im Zelt oder Wohnwagen  während der Ferien oder am Wochenende.

     Bei Wortentlehnungen werden fremde Formative übernommen, deren Sachverhalte in der entlehnenden Sprache bereits durch einige Wörter ausgedrückt sind. Es handelt sich hier primär um die Übernahme von Dubletten: Pläsier (aus dem Franz., 16. Jh.) für “Vergnügen, Spaß”; Charme, Scharm (aus dem Franz., 18. Jh.) für “Anmut”, “Liebreiz”, “Zauber”, Apartment (aus dem Engl. und Amerik. nach 1945) für “Kleinwohnung”; Swimmingpool (aus dem Engl. u. Amerik. nach 1945) für „luxuriös ausgestattes Schimmbad“.

 

Nach der Entlehnungsform sind zu unterscheiden:

1. Fremdwortübernahme. Bei dieser Entlehnung werden fremde Formative in die entlehnende Sprache übernommen. Das Ergebnis sind Fremdwörter vom Typ: Datsche – Landhaus, Bungalow – einstöckiges (Sommer)Haus, Designer – Formgestalter für Gebrauchsgüter. Der parallele Terminus dafür ist formale Entlehnung.

2. Lehnprägung. Dieser Entlehnungsvorgang besteht in der Nachbildung des fremden Inhalts mit Mitteln der eigenen Sprache. Bei genauer Analyse kann man hier einige Unterarten unterscheiden, von denen vor allem zu nennen sind: Lehnübersetzung, Lehnübertragung und Lehnbedeutung.

Bei der Lehnübersetzung (russ. калькирование) handelt es sich um eine Nachbildung der Morphemstruktur von Fremdwörtern oder fremden Wortgruppen: Wandzeitung (russ. стенгазета).

Lehnübertragung ist eine freiere Wiedergabe der Morphemstruktur der entlehnten Wörter: patria – Vaterland, отличник – Bestarbeiter.

Lehnbedeutung ist die Zuordnung einer fremden Bedeutung zu einem deutschen Formativ. So hat z.B. das Wort Akademiker im Deutschen (DDR) neben der herkömmlichen Bedeutung “Person mit

( abgeschlossener ) Hochschulbildung” eine aus dem Russischen entlehnte Neubedeutung „Akademiemitglied eines sozialistischen Landes außer der DDR.“

Von diesen Formen der Übernahme sind die Bezeichungsexotismen zu unterscheiden. Sie werden zur Benennung fremder Gegebenheiten, Einrichtungen genutzt: Kopeke, Dollar, Cent, Wallstreet, Kreml.

 

 

 

 

 

Soziale und linguistische Ursachen der Entlehnung.

 

Die sozialen Ursachen der Entlehnung

 

 Das entlehnte Wortgut im lexikalischen System der deutschen Sprache ist zahlenmäßig sehr bedeutend, was auf die geschichtliche Besonderheiten der Entwicklung des Landes zurückzuführen ist. Hier sind historische Bedingungen aufschlussreich, die schon aus dem germanischen und frühdeutschen Alter im deutschen Wortschatz bedeutende Spuren hinterlassen hatten, und die spätere Periode der Ausgestaltung der deutschen nationalen Schriftsprache im Zusammenhang mit der Ausgestaltung der deutschen bürgerlichen Nation.

Die verlangsamte Überwindung des Feudalismus, die gescheiterte frühbürgerliche Revolution (die Reformation des 16. Jhs.) waren die historischen Ursachen für die späte und unvollkommene bürgerliche Entwicklung zur Herausbildung der deutschen Nation. Deutschland blieb im Laufe der Jahrhunderte ein Land der Klein- und Kleinststaaten und geriet infolgedessen in verschiedenen historischen Perioden unter den wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Einfluss anderer, höher entwickelter Länder.

Diese sozial-historischen Ursachen geben Aufschluss auch über Arten, Wege und Formen der Entlehnung in verschiedenen Perioden der deutschen Geschichte.

Entscheidend für das Schicksal  der übernommenen Lexik ist immer ein Zusammenwirken konkreter historischer Umstände. Es gibt aber einige Gesetzmäßigkeiten, die sich aufgrund der Zusammensetzung des gegenwärtigen deutschen Wortbestandes formulieren lassen:

In erster Linie sind im lexikalischen System der deutschen Sprache Entlehnungen verwurzelt, die Sach- und Wortentlehnungen und Sachverhalte einer höheren Entwicklungsstufe repräsentieren, auf der sich eines der kontaktierenden Völker in wirtschaftlicher und kultureller Hinsicht befand.

Das zeigte die erste  Schicht der lateinischen Entlehnungen in den westgermanischen Sprachen. Zur Zeit der ersten Berührung mit dem Römischen Reich lebten die Germanen in der Gentilordnung, während die Römer gerade den Höhepunkt in der Epoche der Sklaverei erreicht hatten. Entlehnungen aus diesem Zeitalter waren deshalb Wörter, die Begriffe einer höher entwickelten materiellen Welt repräsentierten, z.B. aus der Kriegstechnik: Straße, “gepflasterter Weg” – römische Heerstraße; aus der Technik des Steinbaus: Mauer, Keller, Fenster, Kalk, Kammer; aus Ackerbau: Garten- , Obst-, Weinbau; Frucht, (Dresch-)Flegel, Kohl, Kirsche, Most.

Zahlreiche Sach- und Wortentlehnungen in diesem germanischen Zeitraum wurden ferner auch aus anderen Bereichen übernommen – aus Verwaltung, Rechtsprechung, Handel, aus dem täglichen Leben u.a.m.

Ein ähnliches Bild bieten lexikalische Entlehnungen aus dem Lateinischen und Griechischen ins Frühdeutsche im Zusammenhang mit der Christianisierung der Germanen seit dem 5. Jh., besonders jedoch im 7. und 8. Jh., als im wesentlichen die deutschen Stämme christianisiert wurden. Besonders viele lateinische Entlehnungen entstanden bis zum 11. Jh. auch infolge der in den Klöstern gepflegten Bildung und des Unterrichts: Kirche, Bischof, Engel, Teufel, Altar, Chor, Messe, Kloster, Nonne, Schule, Tafel, Tinte, Griffel, Schreiben u.v.a.m.

Die dritte starke Schicht lateinischer Entlehnungen in der deutschen Sprache war im Zeitalter des Humanismus (14. - 16. Jh.) zu beobachten. Die Orientierung an den antiken Sprachen, vor allem an dem klassischen Latein dieser Zeit, macht sich auf vielen Gebieten bemerkbar (im Fachwortschatz des Buchdrucks, der Musik, des staatlichen Lebens, des Rechtswesens, der Kirche), aber insbesondere im Wortschatz der Universitäten und der höheren Schule: Aula, Auditorium, studieren, Abitur, Zensur, Akademie, Doktor, Professor, Examen, Fakultät, Rektor, Lektion, Katheder, Lyzeum, Prima, Sexta, repetieren, rezitieren u.v.a.m. 

Die lateinischen Entlehnungen aus der humanistischen Gelehrsamkeit bestehen z.B. auch in modernen Fachwortschätzen, z.B. im Buchdruck, in der Mathematik u.a. Der Einfluss dieses Zeitalters ist aber auch darin zu sehen, dass zahlreiche Termini der modernen Wissenschaften und Technik vielfach aus dem Lateinischen, Griechischen oder durch eine Kombination der beiden gebildet werden: Kosmodrom, Kosmographie, Kosmovision, Television u.a.

Soziale Faktoren waren in der geschichtlichen Entwicklung Deutschlands bestimmend für starke Entlehnungen aus dem Französischen. Hier wären drei Perioden zu nennen.

Die erste war das Mittelalter (vom 12. Bis 14. Jh.) im Zusammenhang mit dem Einfluss des französischen Rittertums. Entlehnungen aus dem Altfranzösischen (Gallizismen) waren dementsprechend sozial beschränkt; sie waren zwar Sach- und Wortentlehnungen, repräsentierten aber Kultur, Lebenshaltung und höfisches Leben nur eines Standes – des Rittertums und der mitttelhochdeutschen Ritterliteratur, vor allem der höfischen Dichtung. Ihr Einfluss auf den deutschen Wortschatz war deshalb vorübergehend, denn die Mehrzahl davon verschwanden mit dem Untergang des Ritterstandes. Geblieben sind von den französischen Entlehnungen dieser Periode Wörter, die mehr oder weniger allgemeine Begriffe ausdrückten, und Bezeichungen aus Sonderbereichen, die entweder als Historismen im Wortbestand geblieben sind, oder bis heute Benennungen aktueller Gegenstände: Tanz, tanzen, Manier, fein, klar, prüfen, Platz, Preis, Abenteuer, Palast, Turm, Pavillion, logieren, Turnier, Lanze, Harnisch, Panzer, Koller; Kristall, Rubin, Smaragd, Samt u.a.m.

Die zweite starke Entlehnungsschicht aus dem Französischen bildete sich gegen Ende  des 16. und im 17. Jh. heraus. Die sozialen Ursachen für diese Entlehnungen sind im Einfluss des französischen Absolutismus auf die herrschenden Klassen, den Adel und das Patriziat, zu suchen. Diese Periode der beispiellosen Nachäffung von fränzösischen Modetorheiten ist in die Geschichte als “Alamodezeit” eingegangen und umfasst einen reichen Wortschatz aus den verschiedensten Bereichen. Da waren Innenarchitektur und Möbel, Bau- und Gartenkunst, Essen und Trinken, Kleidung und Schönheitspflege, Tänze und Spiele, Vergnügungen, Gebrauchsgegenstände u.v.a.m.: Galerie, Loge, Fassade, Balkon, Nische, Terrasse, Garderobe, Kabinett, Salon, Möbel, Sofa, Büffet, Kostüm, Perücke, Puder, Pomade, frisieren, Frisur, Tuopet, Parfüm, Teint, Serviette, servieren, Frikassée, Ragout, Omelette, Sauce, marinieren, Kompott, Konfitüre, Marmelade, Torte, Biskuit, Limonade, Pläsier, amüsieren, Ballett, Ball, Maskerade, Promenade, Dame, Billard, Scharade u.a.

Die dritte Entlehnungsschicht aus dem Französischen war eine Folge der Französischen bürgerlichen Revolution, die den deutschen politischen Fachwortschatz entscheidend beeinflusste. Die Schlagwörter der Revolutionsbewegung wurden auch im Deutschen in Form von Fremdwörtern oder Lehnübersetzungen bald geläufig: Revolution, Marseillaise, Terrorismus, Guillotine, Initiative (zunächst nur in politischen Sinne), Jakobiner, Bürokratie, Defizit, Komitee, Demokrat, Emigrant, Organisation, Fraktion, öffentliche Meinung, Fortschritt.

Entlehnungen aus dem Italienischen waren nicht so zahlreich wie die Entlehnungen aus dem Französischen. Sie umfassen zwei historische Abschnitte. Der erste davon (von 14. bis 16. Jh.) brachte Entlehnungen, die mit den engen Handelsbeziehungen Süddeutschlands zu Oberitalien verbunden waren: Bank, Konto, Kredit, Risiko u.a. Auch Söldnerheere brachten zahlreiche Fremdwörter. Doch sind hier italienische und spanische Wörter nicht immer zu unterscheiden: Kanone, Kavallerie u.a. In diese Zeit fallen auch die ersten Entlehnungen aus dem Bereich der Musik: Kapelle, Sonate, Motette u.a.

Der zweite Abschnitt (17.-18. Jh.) brachte fast ausschließlich Fachwörter der Musik: Oper, Konzert, Mandoline, Arie, Bariton, Duett, Operette, Solo, Sopran, Violine, Violoncell (später zu Cello verkürzt) u.a.

Entlehnungen aus dem Englischen traten besonders gegen Ende des 18 und im 19. Jh. auf. Die geschichtliche Voraussetzung für die englischen Entlehnungen dieser Periode bildet der Einfluss Englands bzw. Großbritanniens als führende Industrie- und Kolonialmacht. So wurden aus dem Bereich der Technik entlehnt: Jennymaschine, Mulemaschine, Ventilator, Koks, Paten,t patentieren; Lehnübersetzungen: Pferdekraft, Pferdestärke u.a. Aus Finanz- und Handelsbeziehungen: Schek, Banknote, Budget, Export, Import u.a. Aus Politik und Außenpolitik: Koalition, Kolonisation, Kongress, Majorität, Minorität, Opposition, Parlamentarier, parlamentarisch, Meeting u.a. Aus Haushalt und anderen Lebensbereichen: Beefsteak, Roastbeef, Plaid, Brandy, Pony, Bulldogge, boxen, Boxer, Farmer, Klub u.a.

Englische Entlehnungen reißen bis ins 20. Jh. nicht mehr ab.

Seit dem Beginn des 20. Jhs., besonders aber nach dem zweiten Weltkrieg, sind Entlehnungen aus dem amerikanischen Englisch bzw. aus der amerikanischen nationalen Variante der englischen Sprache zu verzeichen. Obgleich nicht immer festzustellen ist, welche Entlehnungen aus dem amerikanischen und welche aus dem britischen Englisch kommen, ob es also Amerikanismen oder Anglizismen sind (deshalb werden auch in der Fachliteratur solche Entlehnungen vielfach Anglo-Amerikanismen genannt), handelt es sich aber nach 1945 vorwiegend um Amerikanismen, denn Großbritannien wurde als Weltmacht in wirtschaftlicher Hinsicht in der Nachkriegsentwicklung von den USA überflügelt.

Entlehnungen aus slawischen Sprachen existierten in der Vergangenheit nur in geringem Umfang im deutschen Wortbestand. Auch hier kann man von drei Entlehnungsperioden sprechen. Die erste umfasst die ältere Zeit, 11. bis 14. Jh. Die geschichtlichen Voraussetzungen dieses Lehngutes sind einerseits die deutsch-polnischen Handelsbeziehungen und anderseits die Ausdehnung des deutschen Siedelgebietes über die Elbe-Saale-Linie nach Osten. Entlehnungen aus dieser Periode sind Bezeichnungen von Handelsobjekten wie: Zobel, Stieglitz, Zeisig; Lebensmittel wie Quark, Gurke, Schöps, ferner Kummet, Peitsche u.a.       

 Die Entlehnungen der zweiten Periode umfassen die Zeit vom 17. bis 19. Jh. und beruhen teils auf dem Einfluß der russischen Literatur, teils auf der Übernahme bestimmter Gegenstände (Sach- und Wortentlehnungen): Tornister, Droschke, Kalesche.

 Die Entlehnungen der dritten Periode erfolgen nach der Großen sozialistischen Oktoberrevolution, besonders zahlreich nach 1945.

 

Linguistische Ursachen der Entlehnung

 

Zur linguistischen Ursache allgemeiner Art gehört der jeweilige Entwicklungsstand des semantischen Systems einer entlehnenden Sprache. So zeigen die romanischen Entlehnungen im deutschen Wortbestand, dass das fremde Wortgut eine Reihe von “Leerstellen” im semantischen System des Deutschen schloß. Durch zahlreiche romanische Entlehnungen wurden thematische Reihen, thematische Gruppen bzw. lexisch-semantische Gruppen der deutschen Sprache aufgefüllt und auf diese Weise vervollkommnet.

Als Beispiel kann die thematische Gruppe der Farbbezeichnungen dienen, die bekanntlich durch Farbbezeichnungen des Französischen oder über das Französische erweitert wurde: lila, beige, orange, violett, azurn u.a.

Die Aufführung thematischer Reihen und lexikalisch-semantischer Gruppen durch Entlehnungen expressiver Synonyme aus anderen Sprachen gehört ebenfalls zu den linguistischen Ursachen der Entlehnungsvorgänge und geht auf die Tendenz  zurück, die expressive Lexik stets zu erneuern, weil sie beim Funktionieren schnell an Ausdruckswert einbüßt. Entlehnungen dieser Art sind z.B. kapieren (lat.) zu “begreifen”, “verstehen”; krepieren (ital.) zu “sterben”, “verrecken”, Visage (franz.) zu “Gesicht” u.a.

Der Bedarf an euphemistische Lexik kann ebenfalls ein Grund der Entlehnung fremden Sprachgutes sein, denn Fremdwörter sind für den größten Teil der Sprachgemeinschaft semantisch unmotiviert, was ihre verhüllende oder mildernde Wirkung begünstigt. Das lexikalisch-semantische System der deutschen Sprache verfügt über eine bedeutende Anzahl von ethischen und sittlichen Euphemismen fremden Ursprungs: korpulent (lat.) für “dick”; transpirieren (lat., franz.) für “schwitzen”; renommieren (franz.) für “prahlen”, angeben”, “großtun”u.a.

Linguistische Gründe liegen vor bei der Entlehnung von Fremdwörtern zur terminologischen Verwendung. Entlehnungen dieser Art monosemieren das entlehnte Wort, d.h. es wird nur eine lexisch-semantische Variante des Lexems entlehnt, was die Eindeutigkeit des Terminus in einem neuen lexikalisch-semantischen System sichert.

Und schließlich ist noch eine linguistische Ursache der Entlehnung zu nennen. Entlehnungen können gleich Stammwörtern zur Neutralisierung einer übermäßigen Polysemie beitragen oder zum Rückgang entbehrlicher Homonyme. So hat z.B. das entlehnte Wort Insel (lat. insula) die entsprechende Bedeutung aus polysemen Wörtern  Au, Wert, Werder verdrängt.

Oder die Entlehnung der Farbbezeichnung violett (17. Jh.) hat das Homonym braun “veilchenblau, violett” verschwunden lassen.

 

Die Einwirkung der puristischen

Tätigkeit auf den Wortbestand des Deutschen

 

Unter Purismus versteht man eine Bewegung zur  Sprachreinung oder Fremdwortbekämpfung.

Obgleich diese Erscheinung in vielen europäischen Sprachen bekannt war, ist ihr Verlauf in Deutschland durch eine besondere Intensität und Zeitdauer gekennzeichnet. Die Ursachen der puristischen Tätigkeit sind, wie bei jeder sozialen Erscheinung, konkret historisch zu verstehen.

Der Purismus des 17. und 18. Jhs. war  Ausdruck des Kampfes um die Stärkung der deutschen Nationalsprache. Westeuropäische Vorbilder nationaler Sprachpflege und Literatur war für die Form der deutschen Sprachgesellschaften bestimmend, die sich mit sprachregelnder Tätigkeit zu befassen begannen.

Im Laufe des 17. Jhs. wurden zahlreiche Sprachgesellschaften gebildet.

Unter den Puristen des 17. Jhs. zeichnet sich insbesondere die sprachreinigende Tätigkeit Harsdörffers, Zesens und Schottels aus. So stammen von Harsdörffer: Auszug statt Akt (im Drama), beobachten statt observieren, Bleistift statt Crayon, Briefwechsel statt Korrespondenz, Fernglas statt Teleskop.

Auf Schottel, der einige treffliche grammatische und lexikalische Werke geschaffen hat, gehen gelungene Verdeutschungen sprachwissenschaftlicher Fachausdrücke zurück: Mundart, Sprachlehre, Wörterbuch, Wortforschung, Geschlechtswort, Hauptwort, Zeitwort, Strichpunkt statt Semikolan, Doppellaut statt Diphtong.

Außerdem stammen von Schottel Verdeutschungen auch nichtsprachwissenschaftlicher Art: Jahrhundert statt Säculum, Lustspiel statt Komödie, Trauerspiel statt Tragödie, Tunke statt Sauce.

Im Zusammenhang mit dem Purismus des 17. Jhs. verdient aber die puristische Tätigkeit Zesens eine besondere Erwähnung, und zwar aus folgenden Gründen: von ihm stammen viele treffliche Verdeutschungen, die in den deutschen Wortbestand aus jener Zeit übernommen wurden: Anschrift statt Adresse, Augenblick statt Moment, Bollwerk statt  Bastion, Bücherei statt Bibliothek, Feldmesser statt Geometer, Gesichtskreis statt Horizont, Grundstein statt Fundament, Jahrbücher statt Annalen, Nachruf statt Nekrolog, Sinngedicht statt Epigramm u.a.

Aber auch alle Schwächen und Mängel der puristischen Sprachreinigung sind bei Zesen feststellbar. Als Purist – und darin unterscheiden sich Purusten von zeitgenössischen Dichtern, Schriftstellern oder Gelehrten, die nur entbehrliche Fremdwörter bekämpfen, – setze er sich zum Ziel, alle, auch völlig assimilierten Fremdwörter zu verdeutschen. Auf diese Weise entstanden die berüchtigten Verdeutschungen Zesens, die auch in den Augen seiner Zeitgenossen literarisch exklusiv wirkten und als Wortspielerei aufgefasst wurden. So sind sie auch später in die Geschichte des deutschen Purismus eingegangen. Vgl. Tageleuchter statt Fenster, Zeugemutter aller Dinge statt  Natur, Schauburg statt Theatter, Dichterling statt Vers u.a.m.

Dieser übertriebene, übereifrige  Purismus erhielt dann auch die Bezeichnung Ultrapurismus.

Die sprachlichen Leistungen der deutschen Sprachgesellschaften des 17. Jhs. waren nicht bedeutend. Bleibende Erfolge wurden nur auf dem Gebiet der poetischen und der grammatischen Theorie erzielt. Da lag nicht nur am Fehlen einer Sprachtheorie, sondern auch an besonderen wirtschaftlich-politischen Verhältnissen, unter denen die Entwicklung der nationalen Schriftsprache der bürgerlichen Nation in Deutschland verlief: Nach dem Dreißigjährigen Krieg wurde die Macht der Fürsten gestärkt, die feudale Zersplitterung Deutschlands vertieft und die Entwicklung des Landes gehemmt.

Aber ungeachtet der verhältnismäßig geringen Leistungen der Sprachgesellschaften des 17. Jhs. wäre es falsch ihre Rolle im Kampf um die nationale Schriftsprache zu unterschätzen.

Die Fremdwörterei, die Vorherrschaft der lateinischen und der franzözischen Sprache in dieser Zeit wurde von der Tätigkeit der Sprachgesellschaften stark angegriffen, das nationale Bewusstsein geweckt. Auf dem Gebiet der Dichtkunst wurde ferner die Herrschaft der lateinischen Sprache ein Ende bereitet. Und wenn auch die Bemühungen der Sprachgesellschaften um die Pflege und Reinhaltung der deutschen Schriftsprache keine großen Ergebnisse brachten, haben sie den Boden für die Sprachpolitik in dem darauffolgenden 18.Jhr., der Zeit der bürgerlichen Aufklärung, vorbereitet.

Der Purismus des 18. Jhs. ist mit der sprachpflegerischen Tätigkeit Joachim Heinrich Campes verbunden. Campe (1746-1818) war als Erzieher, pädagogischer Schriftsteller und Übersetzer tätig. In Anlehnung an das grundgelegende lexikographische Werk Adelungs stellte sich Campe die Aufgabe, ein möglichst vollständiges Wörterbuch der deutschen Sprache herauszugeben.

Im Jahre 1801 erschien das Wörterbuch zur Erklärung und Verdeutschung der unserer Sprache aufgedrungenen fremden Ausdrücke. In den Jahren 1807-1812 folgte eine zweite, stark erweiterte Auflage.

Campes Purismus entwickelte sich völlig unter Banner der Aufklärung und unter dem großen Einfluß der französichen Revolution von 1789. Davon zeugen sowohl der Zweck des Verdeutschungswörterbuchs, wie Campe es sich vorstellte, als auch die Art der Verdeutschungen selbst.

Fremdwörter wurden in Campes Wörterbuch nicht nur verdeutscht, sondern auch mit Erklärungen und Erläuterungen versehen. Diese Art der Verdeutschung verwandelte das Werk Campes in einen regelrechten Schauplatz des Kampfes für bürgerliche Interessen gegen den Feudalismus und die katholische Kirche als ideologische Stütze des Feudalismus.

So ist Campes Purismus nichts anderes als ein Ausdruck der Aufklärungsideen, eine Waffe für die bürgerliche Aufklärung des Volkes.

Von den zahlreichen Verdeutschungen Campes sind im deutschen Wortbestand u.a. verwurzelt: Ausflug statt Exkursion, befähigen, befähigt statt qualifizieren, qualifiziert, buchen statt registrieren, Emporkömmling statt des franz. parvenu, enteignen statt expropriieren, Fernschreiber statt Telegraph, Weltall statt Universum, Lehrgang statt Kursus, Zahrtgefühl statt Delikatesse, Stelldichein statt Randevous u.v.a.m.

Unter Campes Verdeutschungen gab es auch Bildungen, die nur als puristische Mißgriffe bezeichnet werden können wie Süßchen für Bonbon, Griffbrett für Klavier, Lotterbett für Sofa, Anderswo statt Alibi u.a. Als pedantischer Ultrapurist offenbarte sich Campe auch dann, als er fest eingebügerte lateinische Wortbildungsmittel zu verdeutschen suchte, z.B. die Suffixe -or, -ur, -ismus, -ität u.a. Vgl. Purper, Marmer, Lateinerei – statt Purpur, Marmor, Latinismus.

Der puristische Eifer und Pedantismus machte sich vor allem in der zweiten stark erweiterten Anflage des Wörterbuchs geltend, wo Campe besonders deutlich als übereifriger Purist auftrat. Seine Verdeutschungen gingen in die Tausende. Viele davon ernteten Hohn und Spott, auch unter seinen genialen Zeitgenossen Goethe und Schiller.

Von dem Purismus des 17. und 18. Jhs., der im Kampf der Bougreoisie um die nationale Schriftsprache entstanden war und seinem Wesen nach doch eine fortschrittliche Bewegung darstellte, unterscheidet sich der reaktionäre Purismus, dessen Tätigkeit in das ausgehende 19.Jh. und den Anfang des 20. Jhs. fällt, als Deutschland zu einem einheitlichen kapitalistischen Nationalstaat geworden war. Der darauffolgende Aufschwung in der kapitalistischen Entwicklung des Landes hatte ein stürmisches Anwachsen von Nationalismus und Chauvinismus der deutschen Bourgeoisie zur Folge. Das war ein günstiger Boden für die Entwicklung des national-chauvinistischen Purismus.

Bei der Verdeutschung ging man von nationalistischen Grundsatz aus, es gäbe keine unentbehrlichen Fremdwörter: “Jedes Fremdwort ist entbehrlich”, hieß es bei dem führenden Puristen des “Allgemeinen Deutschen Sprachvereins” Eduard Engel. “Kein Fremdwort für das, was ebensogut deutsch gesagt werden kann, deutsch aber kann, deutsch soll alles gesagt werden”.

Es wurden Verdeutschungswörterbücher herausgegeben, von denen in erster Linie das ultrapuristische Werk von E.Engel zu nennen ist. Im Wörterbuch wurden alle Fremdwörter, auch die Fremdwörter mit internationaler Geltung und Verbreitung verdeutscht, z.B. Schiffsgraben statt Kanal, Mörtel statt Zement, Entpuffung  statt Detonation.

Der Purismus des 19. und 20. Jhs. hat im deutschen Wortbestand beträchliche  Spuren hinterlassen. Gerade dieser Purismus hat auf den deutshcnen Wortbestand in bedeutendem Maße eingewirkt.

Der Umstand, der zur Verwurzelung von sehr zahlreichen Verdeutschungen dieser Periode entscheidend beigetragen hat, war die Unterstützung der puristischen Tätigkeit seitens der Staatsbehörden. Statt entsprechender Fremdwörter wurden Verdeutschungen amtlich eingeführt.

“Bahnbrechend” hierbei war die deutsche Post. Dutzende fremder Termini wurden durch deutsche ersetzt: eingeschrieben statt rekommendiert, Briefumschlag statt Kuvert, drahten statt telegaphieren,  Drahtanschrift statt Telegrammadressse, Drahtnachricht statt Telegrammnachricht. Hunderte von Verdeutschungen wurden auf amtlichem Wege an der Eisenbahn eingeführt. Fahrkarte statt Billett, Bahnsteig statt Perron, Abteil statt Coupé, Schaffner statt Kondukteur, Fahrgast statt Passagier.

Zahlreiche Verdeutschungen wurden auch beim Militär offiziell eingeführt: Hauptmann statt Kapitän (der Infanterie), Dienstgrad statt Charge, Vorhut statt Avantgarde, Nachhut statt Arriergarde.

Aber auch Bereiche der Kunst, vor allem Theater, Presse u.a. erhielten Ersatzwörter statt der früher geläufigen Fremdwörter: Uraufführung statt Premiere, Zuschauer statt Publikum, Schriftleiter statt Redakteuer, Hauptleiter statt Chefredakteur u.v.a.m.

Außer einer rein zahlenmäßigen Beeinflussung ließ der deutsche Purismus, besonders der Purismus  des 19. und 20. Jhs., eine Eigenart aufkommen, die eine Besonderheit des deutschen lexikalisch-semantischen Systems bildet.

Diese Besonderheit besteht in einer zahlenmäßig bedeutenden Synonymie vom Typ deutsches Wort – Fremdwort bzw. Internationalismus, z.B. Fernsprecher – Telefon; Kraftwagen, Wagen – Auto.

Die Entwicklung dieser Synonymie war die Folge des Zusammenwirkens von sprachinternen und -externen Vorgängen. So war die Einbürgerung der puristischen Ersatzwörter oder Verdeutschungen  in erster Linie mit der Tatsache verbunden, dass Fremdwortbekämpfung auf amtlichem Wege unterstürzt wurde. Dass aber dabei sehr viele Internationalismen und andere Fremdwörter von Ersatzwörtern nicht verdrängt wurden, ist nur auf rein sprachliche, linguistische Ursachen zurückzuführen, worauf in der einschlägigen Literatur hingewiesen wird.

Unter den linguistischen Ursachen sind folgende zu nennen:

1. Fremdwörter bzw. Internationalismen sind wortbildend produktiv. Ihre wortbildenden Potenzen liegen z.T. viel höher als die Potenzen der Verdeutschungen , die selbst zumeist Zusammensetzungen sind. Vgl. das Telefon – telefonisch, telefonieren, Telefonist, Telefonistin, Telefonzelle, Telefonzentrale; das Auto – Autohalle, Autoverkehr, Autofahrt, Autofahren, Autounfall; der Export – exportieren, Exportartikel, Exportüberschuss, Exportland.

Der Gebrauch von Internationalismen und Fremdwörtern in Zusammensetzungen und Ableitungen verhinderte, dass sie aus dem Wortbestand verschwanden.

2. Die semantischen Strukturen der Internationalismen und ihrer Verdeutschungen sind nicht immer adäquat. Vgl. die Synonyme:

 

Adresse (Internationalismus):

Anschrift (Verdeutschung)

a) Wohnort

a) Wohnort

b) Grußadresse

b) -

Saison (Int.):

Spielzeit (Verd.)

a) (die richtige) Jahrzeit

a) -

b) Hauptbetriebs-, Hauptverkehrszeit

  (Kurbäder, Bäder, Sport);

b) -

c) Theaterspielzeit

c) Theaterspielzeit

Repertoire (Int.):

Spielplan (Verd.):

a) Gesamtheit der Bühnenstücke

(im Spielplan) eines Theaters;

a) Gesamtheit der Bühnenstücke

(im Spielplan) eines Theaters;

b) Gesamtheit der einstudierten Rollen, Lieder oder Vortragsstücke eines Künstlers

b) -

Tragödie (Int.):

Trauerspiel (Verd.):

a) ein tragisches Geschehen,

schilderndes Schauspiel,

ein Schauspiel vom tragischen Ende eines Menschen;

a) ein tragisches Geschehen,

schilderndes Schauspiel,

ein Schauspiel vom tragischen Ende eines Menschen;

b) (übertr.) ein tragisches Geschehen, Unglück.

b) -

Komödie (Int.):

Lustspiel (Verd.):

a) heiteres, humorvolles Theaterstück;

a) heiteres, humorvolles Theaterstück;

b)(auch) Theater, in dem (nur) Komödien gespielt werden;

b) -

c) (übert.) umg. abwertend: Verstellung, Täuschung

c) -

 

Aus diesen wenigen Beispielen ist ersichtlich, dass ein paralleles Nebeneinanderbestehen beider Synonyme infolge der nichtadäquaten semantischen Strukturen der beiden eine Notwendigkeit ist.

3. Fremdwörter werden in euphemistischer Funktion verwendet, deshalb werden sie auch regelmäßig gebraucht. Diese Eigenschaft der Fremdwörter ist in der deutschen Sprache sehr bekannt und wird vielfach auch stilistisch in Publizistik, Presse und schöner Literatur ausgewertet.

4. Es gibt darüber hinaus noch eine stilistische und semantische Auseinanderentwicklung der Entlehnungen mit ihren korrespondierenden deutschen Äquivalenten, was sie zum festen Bestand des lexikalisch-semantischen Systems macht.

Der Korpus der synonymischen Dubletten vom Typ deutsches Wort – Fremdwort bzw. Internationalismus bildet eine dynamische Schicht des Wortschatzes. Ihre Untersuchung hat gezeigt, dass hier neben dem allgemeinen Trend zur Internationalisierung manningfaltige Auseinanderentwicklungspotenzen feststellbar sind, semantischer und anderer Art. Vgl. den Gebrauch von Telefon – Frensprecher.

 

 

 

Elemente der Systemhaftigkeit in den Wechselbeziehungen zwischen Stammwörtern

und Entlehnungen

 

Das System der entlehnenden Sprache bestimmt eine auf verschiedenen  Entwicklungsstufen des (deutschen) Wortbestandes belegte Regelmäßigkeit: Entlehnt wird nicht die ganze semantische Struktur eines Lexems, falls es mehrdeutig ist, sondern nur ein Semen, seltener zwei oder mehrere Sememe. Diese Erscheinung, die in verschiedenen Arbeiten mit Hilfe unterschiedlicher terminologischer Bezeichnungen beschrieben wurde, brachte besonders interessante Ergebnisse aufgrund der Erforschung formal ähnlicher, aber semantisch abweichender Wörter, die in verschiedenen Sprachen als Entlehnungen aus einer Quelle fungieren und in der sowjetischen Linguistik unter dem Namen “falsche Freunde des Übersetzers”, auch “zwischensprachliche Homonyme” oder “zwischensprachliche Analogismen” bekannt sind. Da wären z.B. solche Lexeme zu erwähnen wie Quartier, Séance, Anekdote im Deutschen, квартира, сеанс, анекдот im Russischen und Ukrainischen, die in diesen Sprachen aus dem Französischen übernommen wurden und ihrer Form nach zwar sehr ähnlich sind, sich aber semantisch voneinander unterscheiden.

Von besonderem Interesse sind sie deshalb, weil sie als Entlehnungen aus ein und derselben Sprache eine potentiell identische Ausgangsform besitzen. In verschiedene lexikalisch-semantische Systeme versetzt, weisen sie eine unterschiedliche Entwicklung auf. Daher kann man bei solchen Wörtern sowohl das Gemeinsame als auch das Unterschiedliche der Entlehnungsvorgänge feststellen.

Die Analyse der parallelen französischen Entlehnungen im Deutschen und Russischen hat ergeben, dass beim ersten Entlehungsvorgang bei 50 Prozent dieser Lexeme die semantische Struktur auf ein Semem reduziert wurde obgleich im Französischen die meisten von ihnen mehrdeutig waren.

Die Untersuchung der Gründe, warum nicht die ganze Bedeutungsstruktur der Fremdwörter entlehnt wird, lässt folgende Systemhaftigkeit dieses Prozesses feststellen:

1) Entlehnt werden Sememe, die im betreffenden System fehlen. Der jeweilige Stand des Systems ist bestimmend für die Einführung oder Adaption des Lexems oder nur einer bzw. einiger seiner lexisch-semantischen Varianten. So hat sich z.B. bei der Analyse der romanischen Entlehnungen im Deutschen erwiesen, dass oft übertragene Bedeutungen fremder Lexeme übernommen wurden, da die eigentlichen Bedeutungen durch deutsche Wörter bereits ausgedrückt wurden.

2) Der zweite Prozess, der für die Assimilation des Wortes und seine Anpassung an ein neues lexikalisch-semantisches System entscheidend wirkt, ist die Entwicklung der semantischen Selbständigkeit.

Unter semantischer Selbständigkeit einer Entlehnung wird die Aufhebung der Dubletten-Beziehung in den synonymischen Paaren Fremdwort – Stammwort verstanden. So sind z.B. die Wörter Job - Arbeit nicht austauschbar, denn der Anglo-Amerikanismus, der nach 1945 übernommen wurde, bedeutet heute nicht nur “Arbeit”. Er hat sich vom deutschen Wort semantisch und stilistisch differenziert und bezeichnet in der BRD  umgangssprachlich vielmehr eine gelegentliche, vorübergehende Beschäftigung, “Stellung”, “Gelegengeit zum Geldverdienen”, “Arbeit auf Zeit”, Job hat Arbeit oder Beschäftigung nicht verdrängt, sondern hat dem Wortfeld eine besondere Nuance hinzugefügt, die erst in der Gegenwart Aktualität erhalten hat.

Die Entwicklung der semantischen Selbständigkeit ist die wichtigste Voraussetzung für die Einbürgerung eines Fremdwortes im Wortbestand der entlehnenden Sprache, denn die semantische Selbständigkeit manifestiert die Tatsache, dass das betreffende Fremdwort im lexikalisch-semantischen System seinen Platz einnimmt. Es wird zu einem notwendigen Lexem.

Die semantische Selbständigkeit bedeutet also eine Einfügung des Fremdwortes in ein neues lexikalisch-semantisches System und das setzt Wechselbeziehungen desselben mit Elementen dieses Systems voraus. Dementsprechend ist der Prozess der Auseinanderentwicklung des Fremdwortes von seiner deutschen Entsprechung eine vielseitige Differenzierung. Sie kann semantischer und funktional-stilistischer Art sein.

3) Viele Fremdwörter passen sich dem lexikalisch-semantischen System an, indem sie die entsprechenden synonymischen oder thematischen Reihen mit funktional-stilistisch differenzierter Lexik auffüllen. vgl.: Gesicht–- Visage (derb, abwertend); Zeitung – Gazette (umg. abwertend); Strauß – Bukett (geh.).

 

Wie die Differenzierungsprozesse verlaufen und welche Differenzierungsart eintritt, eine semantische, funktional-stilistische oder beides, bestimmt das lexikalisch-semantische System. Dabei können Prozesse, die die Entstehung der semantischen Selbständigkeit bewirken, mehrstufig sein und die Folge eines Zusammenspiels von sozialen und linguistischen Faktoren darstellen.

Die Differenzierungsstendenzen des Lehrgutes weisen je nach dem lexikalisch-semantischen System auch unterschiedliche Ergebnisse auf.

Bei Entlehnung und Entwicklung der semantischen Struktur des französischen Chef im Deutschen und Russischen ist folgendes festzustellen: Von den sechs lexisch-semantischen Varianten der lexikalischen Bedeutung des französischen Wortes werden ins Deutsche zwei entlehnt: 1. Leiter, Vorgesetzer; 2. Geschäftsinhaber. Ins Russische wurde nur eine lexikalisch-semantische Variante entlehnt: шеф, начальник, руководитель, заведующий. Dagegen ist im lexikalisch-semantischen System des Russischen eine absolut neue Bedeutung aufgekommen. Chef: “учреждение, принявшее шефство (= покровительство) над кем-л, чем-л.” In jüngster Entwicklung der semantischen Struktur des Fremdwortes ist die Verwendung der Entlehnung als salopp vertrauliche Anrede für unbekannte feststellbar: Hallo, Chef, wo ist die nächste Tankstelle?”.

Die Beispiele zeigen neben den bereits besprochenen Merkmalen der Systemhaftigkeit bei der Integration der Entlehnungen noch eine gesetzmäßige Erscheinung. Die semantische Struktur der Entlehnungen ist im lexikalisch-semantischen System der entlehnenden Sprache in der Entwicklung begriffen. Wie andere Vollwörter einer Sprache weisen auch Entlehnungen eine Tendenz auf, ihre semantische Struktur zu erweitern. So wurde aufgrund der parallelen französischen Entlehnungen im Deutschen und Russischen festgestellt, dass 71,9% der französischen Fremdwörter im Deutschen und 72,7% derselben im Russischen neue lexisch-semantische Varianten entwickelt haben.

Beim Gebrauch des entlehnten Wortgutes im System der entlehnenden Sprache wird noch ein Merkmal der systemhaften Wechselbeziehungen zwischen Fremdwort und Stammwort festgestellt. Es besteht in der Tendenz, die Mehrdeutigkeit der Lexeme (in der Paradigmatik) mit Hilfe von Fremdwörtern zu neutralisieren. Als Beispiel kann das Lexem Schlager dienen. Um 1880 als österreichische (Wiener) Neubildung aufgekommen, wohl nach dem zündenden Blitzschlag hatte das Wort ursprünglich nur die Bedeutung “erfolgreiches Lied”. Dann begann sich die semantische Struktur des Wortes stürmisch zu entwickeln, und heute bedeutet das Wort: 1. “ein in Mode befindliches, international bekanntes, zündendes, oft sentimentales Tanzlied, auch Operette, Film oder Musical”. 2. “ein erfolgreiches Theaterstück”. 3. “ein erfolgreiches Buch”, 4. “ein erfolgreiches Film”, 5.“eine gängige Ware, die reißend abgesetzt wird.

Die Mehrdeutigkeit des deutschen Wortes Schlager wird durch entlehnte Synonyme neutralisiert. In der ersten Bedeutung konkurriert der Anglo-Amerikanismus Hit. Zwar ist dieses Fremdwort selbst vieldeutig „erfolgreiches, allgemeinbeliebtes Musikstück”, “Spitzenschlager”, aber es wird im Deutschen vorwiegend als “Schlagerlied”, “Tanzlied” gebraucht. Besonders populär sind die Komposita Hitmusik, Hitparade.

Das zweite entlehnte Synonym, das neben Schlager im Sinne “ein modernes Schlagerlied”gebraucht wird, ist der Anglo-Amerikanismus Song. Somit entsteht eine synonymische Reihe: Schlager = “Lied”- Hit - Song, in der die Entlehnungen mit dem Stammwort erfolgreich konkurrieren.

Auch für die vierte Bedeutung des deutschen Wortes werden je nach dem Charakter des Films entlehnte Synonyme gebraucht. Das sind die Anglo-Amerikanismen Thriller und Hit. So wurden z.B. in der BRD-Presse unsere Filme „Anna Karenina”, „Krieg und Frieden” u.a. als Hits bezeichnet. Handelt es sich aber um einen Kriminalfilm oder ganz auf  Spannungseffekte eingestellten Film, “Nervenreißer”, so wird der Anglo-Amerikanismus Thriller gebraucht. Das gibt den Grund zur Aufstellung der zweiten synonymischen Reihe: Schlager = “Film”– Hit – Thriller.

Aufgrund der geläufigen Anwendung von Thriller als "ein aufregendes Buch" und dann einer älteren Entlehnung - Bestseller - in der Bedeutung "Verkaufsschlager" (meist von Büchern) kann man auch die dritte synonymische Reihe aufstellen: Schlager = "Buch" – Thriller – Bestseller.

Als Folge der semantischen Selbständigkeit der Entlehnungen tritt die formelle Assimilation ein, d.h. eine Anpassung in Lautung, Schreibweise, Formenbildung. Je nach der gegebenen Entlehnungsperiode verläuft diese formelle Integration verschieden, vgl. eine völlige Anpassung der ältesten mündlichen Übernahmen (Fenster, Ziegel, Mauer u.a.) und eine teilweise Anpassung in der Gegenwartssprache. Die vollständige formelle Assimilation kann auch ausbleiben. Die Abhängigkeit der anderen Arten der Assimilation von der lexikalisch-semantischen zeigt sich auch darin, dass der strukturelle Faktor nicht selten durch den semantischen überspielt wird. Das bedeutet: Das Geschlecht eines Fremdwortes wird durch die Anlehnung an ein deutsches Synonym bestimmt. So kennen wir die Wörter das Service (nach dem Französischen) in Anlehnung an das Geschirr, aber der Service "Kundendienst" (nach dem Englischen) in Anlehnung an der Dienst.

Es lässt sich aber nicht in jedem Fall eine überzeugende Erklärung geben, warum die Genusbestimmung bei manchen Fremdwörtern scheinbar nicht folgerichtig ausfallen ist, vgl. die Farm gegenüber der Hof.

Auch der zweite genusbestimmende Faktor des Fremdwortes – die wortbildende Struktur – ist vom lexikalisch-semantischen System der entlehnenden Sprache bedingt. Es handelt sich dabei um einen Parallelvorgang zu der genusbestimmenden Wirkung deutscher Ableitungssuffixe, vgl. der Teenager - im Deutschen ein Maskulinum, da das Wort auf -er auslautet.

Diese kurze Betrachtung der Systemhaftigkeit in den Wechselbeziehungen zwischen Stammwörtern und Entlehnungen lässt sich zusammenfassend folgenderweise formulieren:

1. Bei Einführung der Entlehnungen in ein neues lexikalisch-semantisches System wird die semantische Sturktur der Fremdwörter nur teilweise entlehnt. Die semantische Struktur oder das Bedeutungsgefüge der Fremdwörter wird reduziert.

2. In einem neuen lexikalisch-semantischen System zeigen Fremdwörter eine Tendenz zur Erweiterung ihrer semantischen Struktur.

3. Die Enwicklung der semantischen Selbständigkeit einer Entlehnung ist entscheidend für ihre Einbürgerung in ein neues System.

4. Alle anderen Abwandlungen und Prozesse, denen Entlehnungen beim Funktionieren in einem neuen lexikalisch-semantischen System unterliegen, sind sekundäre Folgen der semantischen Selbständigkeit: formelle Assimilation, wortbildende Produktivität, Geläufigkeit, regelmäßiger Gebrauch.

5. Die Wortschatzbereicherung durch die Entlehnung besteht nicht nur in der quantitativen Erweiterung des Wortbestandes, bei der Wörter entlehnt werden, die neue Gegenstände und Erscheinungen bezeichnen.Die Bereicherung des Wortbestandes offenbart sich auch darin, dass das Lehngut Ausdrucksmöglichkeiten der entlehnenden Sprache durch begriffliche und funktionalstilistische Differenzierungen erweitert, die Fremdwörter in den betreffenden thematischen oder synonymischen Reihen bewirken.

 

Die Klassifikationen des entlehnten Wortgutes in der deutschsprachigen und sowjetischen Germanistik

 

Verschiedene Aspekte bei der Bedeutung des entlehnten Wortgutes fanden ihren Ausdruck in den verschiedenen Klassifikationen der entlehnten Lexik.

In erster Linie ist hier die traditionelle Klassifikation zu nennen, die seit Beginn des 20. Jhs. in der deutschen Germanistik (H.Hirt, O.Behanhel, F.Wrede u.v.a.) allgemein gebraucht wurde.

Danach wird das entlehnte Wortgut in zwei Gruppen eingeteilt:

1. Lehnwörter, 2. Fremdwörter.

Zu den Lehnwörtern rechnet man Entlehnungen, die im Deutschen völlig assimiliert sind, d.h. sich dem Deutschen in Lautgestalt, Betonung, Flexion und Schreibung völlig angepasst haben. Als Fremdwörter bezeichnet man Entlehnungen, die ihren fremden Charakter bewahrt haben.

Dieses Einteilungsprinzip wurde in der älteren und neueren einschlägigen Literatur mit Recht vieler Inkonsequenzen überführt. Denn Wörter wie Streik, Sport, Kaffee u.v.a.m., die erst in neuerer oder neuester Zeit in den deutschen Worbestand übernommen wurden, sind völlig assimiliert, während andere, die schon viele Jahrhunderte im Deutschen gebräuchlich sind, als Fremdwörter empfunden werden.

Die moderne Wortforschung rückte bei der Analyse des entlehnten Wortgutes neue Aspekte in den Vordergrund. Das ist vor allem eine synchrone Betrachtung der funktionalen Leistung der Entlehnungen im lexikalisch-semantischen System der entlehnende Sprache.

Der erste Versuch, die deutschen Entlehnungen aus neuer Sicht zu analysieren, wurde in der sowjetischen Germanistik von L.R. Zinder und T.V.Strojeva unternommen. Im Wortgut der deutschen Gegenwartsprache wurden drei Gruppen unterschieden:

1. Deutsche Wörter, 2. Internationalismen, 3. Fremdwörter.

Die erste Gruppe umfaßt die deutschen Stammwörter und Lehnwörter, die sich nur durch ihre Herkunft unterscheiden: Mauer, Ziegel, Fenster, Straße u.a.

Die zweite Gruppe bilden Wörter, die sich in vielen Sprachen der Welt finden und überwiegend Fachausdrücke verschiedener Wissenszweige sind, z.B. Fachausdrücke der Natur und Gesellschaftswissenschaften u.a.: Atom, Absorption, Demokratie, Sozialismus, materiell.

Die dritte Gruppe umfasst Entlehnungen, die (a) ihre fremde Lautung beibehalten,

(b) parallel zu deutschen Synonymen bestehen, (c) schwache wortbildende Produktivität und (d) in einiger Fällen auch eine spezifische lexikalische Bedeutung haben: Gentleman, Spleen, Snob.

Im weiteren erfuhr diese Klassifikation eine Veränderung, wobei zur Gruppe der deutschen Wörter auch die Internationalismen hinzukamen.

In einer anderen Klassifikation der sowjetischen Germanistik L.J.Granatkina sind die modernen Aspekte des deutschen Lehngutes stärker zur Geltung gekommen. Sie unterscheidet innerhalb der Gruppe der entlehnenden Lexik neben deutschen Wörtern:

1. Internationalismen, 2. gemeingebräuchliche Fremdwörter, 3. wenig gebräuchliche Fremdwörter.

Diese Gruppen lassen in der bezeichneten Klassifizierung eine semantische und stilistische Leistung im Deutschen erkennen.

Von großem Interesse ist der Versuch des Germanisten K.Heller (DDR), das Fremdwort aus der Sicht der Systemhaftigkeit der Lexik zu erforschen.

Das semantische Verhältnis zwischen Fremdwort und deutschem Wort liegt seiner Klassifikation zugrunde, nach der folgende Fälle unterschieden werden:

1. Fremdwörter mit direkter deutscher Entsprechung, 2. Fremdwörter ohne direkte deutsche Entsprechung, 3. vieldeutiges Fremdwort, 4. umfassendes Fremdwort.

Diese Klassifikation gewährt einen Einblick in die Angleichung der Bedeutung des Fremdwortes an das deutsche lexikalisch-semantische System.

 

 

 

 

 

 

 

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